BioNTech-Mitgründer Prof. Ugur Sahin und seine Frau Özlem Türeci geben ihre Führungsrollen auf, um ein neues unabhängiges Biotechnologieunternehmen zu gründen. Ein historischer Einschnitt für das Mainzer Unternehmen, das die Welt mit seinem COVID-19-Impfstoff veränderte.
Es ist eine Nachricht, die die Welt der Biotechnologie erschüttert: Prof. Dr. Ugur Sahin und seine Frau Prof. Dr. Özlem Türeci werden BioNTech bis Ende 2026 verlassen. Das gab das Mainzer Unternehmen in einer offiziellen Mitteilung bekannt. Die beiden Mitgründer, die BioNTech zu einem der bekanntesten Biotechnologieunternehmen der Welt gemacht haben, wollen ein neues, eigenständiges Unternehmen aufbauen, das sich auf mRNA-Innovationen der nächsten Generation konzentriert.
Der Schritt kommt für viele Beobachter überraschend, gleichzeitig aber auch zu einem Zeitpunkt, an dem BioNTech finanziell stark aufgestellt ist. Das Unternehmen verfügt über Barreserven und Wertpapierinvestitionen von rund 17,2 Milliarden Euro. Reuters berichtete, dass der BioNTech-Kurs unmittelbar nach der Ankündigung deutlich nachgab, was die Nervosität der Märkte widerspiegelt.
AUCH LESEN: BioNTechs Kampf gegen Krebs: Wie der mRNA-Impfstoff die Onkologie revolutionieren sollUm zu verstehen, warum dieser Abgang so bedeutsam ist, muss man den Werdegang von Ugur Sahin kennen. Geboren wurde er in der Türkei, im Alter von vier Jahren zog er mit seiner Familie nach Köln, wo sein Vater in den Ford-Werken arbeitete. Als erstes türkischstämmiges Gastarbeiterkind legte er sein Abitur an einem Kölner Gymnasium als Jahrgangsbester ab, ein Erfolg, den er selbst als wegweisend beschreibt.
Sein Medizinstudium absolvierte er an der Universität zu Köln, wo er bereits früh seinen Schwerpunkt auf Krebsimmuntherapie legte. Seine Dissertation, bewertet mit summa cum laude, ebnete den Weg für eine außergewöhnliche akademische Karriere. Heute ist Sahin Professor für Translationale Onkologie und Immunologie an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz und betreute dort über 50 Doktorandinnen und Doktoranden.
Schon vor BioNTech bewies Sahin seinen unternehmerischen Instinkt: Gemeinsam mit Özlem Türeci und Prof. Christoph Huber gründete er 2001 Ganymed Pharmaceuticals, das 2016 für einen dreistelligen Millionenbetrag an Astellas Pharma verkauft wurde. Drei Jahre später folgte 2008 die Gründung von BioNTech in Mainz, mit dem klaren Ziel, mRNA-Technologie zur Bekämpfung von Krebs und Infektionskrankheiten einzusetzen.
Als die Nachricht über ein neues Coronavirus im Januar 2020 die Wissenschaftswelt erreichte, erkannte Sahin sofort das Potenzial für ein mRNA-basiertes Gegenmittel. Binnen kürzester Zeit skizzierte er die Baupläne für acht verschiedene Impfstoffkandidaten. Was folgte, war "Projekt Lightspeed", die wohl bemerkenswerteste Entwicklungsleistung in der Geschichte der modernen Medizin.
In weniger als einem Jahr führte BioNTech den Impfstoff BNT162b2, später als Comirnaty bekannt, von der Laborforschung bis zur Notfallzulassung. Eine Leistung, die bis dahin als unmöglich galt: Kein mRNA-Medikament war zuvor zur allgemeinen Anwendung freigegeben worden. Die strategische Partnerschaft mit dem US-Pharmariesen Pfizer war dabei entscheidend, um globale klinische Studien und die weltweite Produktion zu stemmen.
Der Erfolg katapultierte BioNTech in eine neue Liga. Das Unternehmen wurde über Nacht weltberühmt, und Sahin landete auf dem Cover des TIME Magazine als Person des Jahres 2020. Wichtiger noch: Die COVID-Erlöse finanzierten die eigentliche Kernmission, die Krebsforschung, die Sahin seit Jahrzehnten verfolgt.
Das neue Unternehmen, das Sahin und Türeci aufbauen werden, trägt noch keinen Namen. Es soll sich auf die Entwicklung von mRNA-Innovationen der nächsten Generation konzentrieren, mit eigenständigen Ressourcen, eigenem Betrieb und eigenen Finanzierungsmöglichkeiten. BioNTech plant, dem neuen Unternehmen mRNA-Rechte und entsprechende Technologien zu übertragen, im Gegenzug für eine Minderheitsbeteiligung.
Ein verbindlicher Vertrag zwischen BioNTech und dem neuen Unternehmen wird bis Mitte 2026 erwartet. BioNTech gibt an, dass alle laufenden klinischen Studien und die zuvor angekündigten Meilensteine von diesem Plan unberührt bleiben. Das Unternehmen erwartet bis Ende 2026 insgesamt 15 laufende Phase-3-Studien in der Onkologie, darunter sechs wichtige Datenpräsentationen in der Spätstadiumentwicklung.
AUCH LESEN: BioNTech-Aktie 2026: Was Investoren jetzt wissen müssen| Kennzahl | Wert 2025 | Ausblick 2026 |
|---|---|---|
| Gesamtumsatz | 2,9 Mrd. Euro | 2,0 bis 2,3 Mrd. Euro |
| Nettoverlust | 1,1 Mrd. Euro | k.A. |
| Angepasster Nettoverlust | 0,1 Mrd. Euro | k.A. |
| Kassenbestand und Investitionen | 17,2 Mrd. Euro | stabil |
| Phase-3-Studien (Onkologie) | in Vorbereitung | 15 geplant bis Ende 2026 |
Lange vor der Pandemie war das eigentliche Ziel von Ugur Sahin klar definiert: personalisierte Krebstherapien auf Basis der mRNA-Technologie. Sahin und sein Team entwickelten Methoden für den Transport von mRNA zu dendritischen Zellen, verbesserten die Stabilität der Botenmoleküle und steigerten die Effizienz der Proteinproduktion um das Tausendfache.
Die Idee dahinter ist revolutionär: Jeder Tumor ist einzigartig. Statt alle Krebspatienten mit denselben Wirkstoffen zu behandeln, sollen mRNA-Impfstoffe maßgeschneidert auf das individuelle Mutationsprofil jedes Patienten angepasst werden. Das Immunsystem lernt dadurch, die spezifischen Krebszellen eines bestimmten Patienten zu erkennen und zu bekämpfen. Die BBC berichtete ausführlich über die klinischen Fortschritte in diesem Bereich.
BioNTech setzt diese Vision nun ohne Sahin fort, mit 15 geplanten Phase-3-Studien in der Onkologie bis Ende 2026. Das neue Unternehmen von Sahin wird parallel daran arbeiten, die nächste Welle von mRNA-Innovationen zu entwickeln, die möglicherweise noch wirksamere und breiter einsetzbare Therapien ermöglichen könnte.
AUCH LESEN: Krebsimmuntherapie in Deutschland: Wo stehen wir wirklich?Die kommenden Monate werden zeigen, wie der Markt auf den bevorstehenden Führungswechsel bei BioNTech reagiert. Für das Unternehmen selbst ist 2026 ein entscheidendes Jahr: Mehrere wichtige klinische Ergebnisse in der Onkologie werden erwartet, die zeigen sollen, ob BioNTech auch ohne seine Gründer als eigenständige Kraft in der Krebsforschung bestehen kann.
Für Ugur Sahin beginnt eine neue Ära. Der Wissenschaftler, der als Sohn eines Gastarbeiters nach Deutschland kam und eines der bedeutendsten Biotechnologieunternehmen der Welt aufbaute, will offenbar noch nicht mit dem Forschen aufhören. Sein neues Unternehmen könnte die nächste Welle medizinischer Innovationen auf Basis von mRNA einläuten, mit dem langfristigen Ziel, Krebs noch wirksamer zu bekämpfen. Ob ihm ein zweites "Lightspeed"-Projekt gelingt, bleibt abzuwarten. Die Voraussetzungen, zumindest was Wissensstand, Erfahrung und Entschlossenheit betrifft, bringt er mit.
